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Geführt wurde das Interview mit Petro Tyschtschenko im März 1998 und wurde in der NoCover 50 des APC&TCP veröffentlicht.

Interview: Amiga International, Inc.

Herr Tyschtschenko - Sie haben davon geredet, ein künftiges Amiga OS soll auf verschiedene Prozessoren portierbar sein. Neben der Frage, welche Märkte dadurch erschlossen werden sollen wirft eine Portierbarkeit die - für Amigafans - Horrorvision eines zukünftigen, offiziellen Amiga mit Intel-Prozessor auf.

Meiner Meinung nach wird in der Zukunft der Prozessor eine untergeordnete Rolle spielen. Die Hauptfunktionen in einem Computer wird von den Videochips übernommen werden. Wie Sie vielleicht aus unserer Veröffentlichung im Internet entnehmen konnten, hat sich unsere Entwicklungsabteilung in den USA für einen 68000 und PPC entschieden. Es gibt auch Ideen was neue Videochips anbelangt, das ist aber noch geheim. Sie können gerne diese Veröffentlichung auf unserer Webpage http://www.amiga.de nachlesen.

Mit ihrem Wunsch nach einem 68080 mit 200MHz haben Sie eine große Unsicherheit heraufbeschworen: In Zeiten, in denen kleine Firmen wie Phase5 mit ihren PPC-Bords den Amiga aktuell halten und die verbliebenen Softwarefirmen langsam aber sicher für PPC programmieren, da ist bisher noch keine definitive Aussage von AI zu hören: "Ja, PPC wird das Herz eines zukünftigen Amigas sein".

Es tut mir leid, wenn ich Unsicherheit mit meinem Statement über 68080 mit 200 Mhz heraufbeschworen habe. Ich bin jedoch nach wie vor der Meinung, daß eine Weiterentwicklung der 68000 Serie von Motorola auf eine höhere Taktzahl für unseren Amiga die Ideallösung darstellen würde. Leider ist dies aus technischen Gründen von Motorola nicht möglich.

Aktuelle PPC-Karten sind auch deshalb so teuer, weil Sie unbedingt einen 680x0 Prozessor benötigen, wegen notwendiger Kompatibilität. Besser formuliert: der Nichtunterstützung des PPC-Prozessors durch das Amiga OS. Wann wird also das Amiga OS in PPC-Code verfügbar sein?

Die Portierung unseres Operating Systems von der 68000 Plattform zur PPC Technologie, würde neben einer minimalen Entwicklungszeit von 2 Jahren mindestens zwischen 8 und 10 Millionen US Dollar an Entwicklungskosten verschlingen. Eine Entscheidung von unserem Investor Gateway 2000 ist diesbezüglich noch nicht gefallen.

Sie haben angekündigt, daß der neue "kleine" Amiga für 400 DM den Besitzer wechseln wird. Angesichts der Tatsache, daß ein A1200, der ja nun wirklich seit 5 Jahren überholt ist, immer noch 550 DM oder mehr kostet, fragt man sich, was der neue Amiga bieten soll? Angesichts der momentanen Preise für PPC oder auch einen 68040/68060 Prozessor wird solch ein Prozessor wohl kaum auf der Platine werkeln...

An dieser Stelle möchte ich Sie korrigieren. Unser A1200 wurde während des Weihnachtsgeschäfts bei den Großmärkten Famila und Globus für DM 398,-- inkl. MwSt. angeboten. Über die Modell-Politik möchte ich heute noch keine Stellung nehmen, ich meine, der Zeitpunkt ist noch etwas zu früh. Ich schlage allen Interessenten vor, sich mit Herrn Jeff Schindler (email: schinjef@gateway.com) in Verbindung zu setzen. Jeff Schindler ist für die technischen Entwicklungen voll verantwortlich.

... und das neue Flagschiff soll für 1500 DM zu haben sein. Rein Preislich gesehen eine schöne Zahl, gibt es doch für diesen Betrag gerade mal veraltete Auslaufmodelle im Bereich der PCs zu kaufen. Doch was heißt High-End in diesem Falle?

Auch hierzu möchte ich z. Z. keinen Kommentar abgeben.

Aber Sie berichten doch von neuen Amigas die kommen werden, zugleich veröffentlicht Joe Torre (leitender Ingenieur Amiga Inc.) eine FAQ, in dem zu lesen stand, daß von Amiga Inc. KEINE neuen Amigas kommen werden.

Ich vertrete nun mal die Meinung, das AMIGA auch neben den Lizenzen eigene Produkte im Programm haben M U S S ....... Aus diesem Grund gebe ich nicht auf und ich sage Ihnen, da ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.......es ist halt einfach noch zu früh.....

Ihr Wort in Jeff Schindlers Ohr... Anhand des durchschlagenden PSX-Erfolges hat Sony bewiesen, daß auch ein neuer Sänger beim Duett zwischen den Branchen-Dinosauriern Sega und Nintendo erfolgreich mitmischen kann. Wird also über einen Nachfolger des CD 32 nachgedacht? Bei technischer Brillanz und entsprechender Vermarktung wäre dies doch ein Weg den Amiga wieder auf dem Spielemarkt zu etablieren. Und Spiele verkaufen nunmal Geräte...

Neue Produkte und die Produktentwicklung sind immer eine Frage der Finanziellen Ressourcen. Unsere Muttergesellschaft Gateway 2000 ist bereit zu investieren, aber nur, wenn ein vernünftiger Business Plan nach kaufmännischen Gesichtspunkten vorgelegt werden kann und eine Realisierung möglich ist. Unsere Entwicklungsabteilung in den USA ist zur Zeit dabei einen entsprechenden Plan zu entwickeln, um diesen dann zur Finanzierung Gateway vorzulegen. Danach wird es sich entscheiden welche Marktsegmente mit den neuen Produkten angesprochen werden. Einen direkten Nachfolger für den CD 32 wird es nicht geben. Ich könnte mir jedoch vorstellen, daß ein mögliches neues Produkt im Wohnzimmer steht, umgeben von Telefon, HiFi Anlage und Fernseher, nutzbar als Computer und Kommunikationszentrale für TV, Video und Audio.

Themawechsel - daß die Customchips heutzutage die Leistungsbremse schlechthin sind und einer dringenden Erneuerung bedürfen ist bekannt. Und angeblich waren damals, vor dem Konkurs Commodores, ja schon AAA-Chips fertig. Doch wie sieht die Kompatibilität eines künftigen Amigas zu heutigen Standarts aus? Sicher: wenn man seit Jahren nur einen fast nicht aufgerüsteten Amiga sein eigen nennt und nur auf einen "neuen" Amiga wartet, dann ist ein Umstieg leicht. Doch wer seinen Amiga mit Grafikkarten und Prozessorkarten immer aktuell gehalten hat, der wird sich mit Sicherheit keinen neuen Amiga kaufen. Was mich deshalb beunruhigt: wird es einen radikalen Schnitt geben oder wird ein künftiger Amiga trotz aller (nötigen) Innovation kompatibel zu aktuellen Grafikkarten und Prozessoren bleiben?

Wie schon anfangs erwähnt, werden die Customchips die Hauptfunktion eines Computers übernehmen. Der Prozessor wird nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wie bereits erwähnt kann ich Ihnen nur versichern, daß in Punkto Customchips für den Amiga viel Zeit für eine gute Lösung investiert wird.

In diesem Punkt stimme ich Ihnen zu: das Customchips fehlende CPU-Power kompensieren könnte, sieht man ja bestens anhand der Playstation: langsame CPU, doch dank überragender Grafikchips den Wintels (noch) ebenbürtige Grafikgeschwindigkeit. Doch wie will man die Kompatibilität zu Grafikkarten - die sich langsam aber sicher durchsetzen - bewahren? Wird mit den GraKa-Herstellern zusammengearbeitet, auf daß diese ihre Produkte anpassen können?

In unserer Entwicklungsabteilung wird darüber natürlich auch schwer nachgedacht und es zeichnet sich eine Lösung ab, über die ich aber noch nicht sprechen darf. Ich kann nur sagen, wer jetzt weiterhin geduldig ist, wird in der Zukunft dafür belohnt.

Wozu anzumerken sei, daß diese Zukunft hoffentlich so schnell als nur Möglich kommen sollte. Denn in jüngster Zeit gab es bereits vermehrt Tendenzen der Hersteller, ein eigenes, kleines Süppchen zu kochen: Haage & Partner vs. phase5, Picasso 96 vs. CyberGraphX. Der Amigamarkt ist einfach zu klein, um verschiedene, untereinander unkompatible, Lösungen für ein und denselben Bereich zu verkraften.

Ich bin nicht der Meinung, daß sich die Tendenz vermehrt, das im Amiga Markt jeder sein eigenes Süppchen kocht. Sicher gibt es einige Tendenzen dazu. So lange Amiga das OS kontrolliert, und es nur e i n OS für den Amiga gibt, und dieses OS permanent von AMIGA gehegt und gepflegt wird, kann es eigentlich keine Ausbrüche geben. Gewollt ist: viel neue Hardware, aber ein Betriebssystem für die gesamte Amiga Welt.

Wenn man die Berichte Amerika-Reisender hört, dann ist diese "Amiga Welt" in den Staaten fast nicht existent. Da stellt sich mir die Frage, wieso die Entwicklungsabteilung in den USA beheimatet ist und nicht z. B. in Deutschland, der "Heimat" von PPC- und Grafikkarten.

Leider sind die Berichte von Amerikareisenden nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber dazu muß man wissen, daß der Amiga Markt in Nord Amerika noch nie gigantisch war. 80% des Amiga Umsatzes wurde von Beginn an in Europa getätigt. Nur 8% in Nordamerika, der Rest in den übrigen Ländern. Das unsere Entwicklungsabteilung in den USA beheimatet ist, erklärt sich nur damit, daß wir eine amerikanische Firma sind und immer noch die meisten neuen Computertechnologien und Innovationen aus den USA kommen. Ich meine die USA ist der beste Standort für eine Entwicklungsabteilung.

Jeff Schindler, Chef der Entwicklungsabteilung, hat einmal gesagt, er würde Weltweit nach den besten Entwicklern Ausschau halten. Angesichts der Tatsache, daß diese Entwickler auf einen Streich 5 Jahre Stillstand wettmachen müßen, ein richtiges Anliegen. Nur: wenn sich nicht bald etwas tut, dann ist es wirklich bald zu spät.

Diese Frage müßten Sie Herrn Schindler direkt stellen. Ich meine aber, in unserer neuen Entwicklungsabteilung sollten nicht nur ehemalige Amiga Entwickler zu Wort kommen, sondern auch talentierte neue Entwickler aus allen Teilen der Computer Industrie. Herr Schindler ist aber letztendlich für seine Entwicklungsabteilung verantwortlich. Meine Aufgabe ist es, unsere Produkte weltweit zu vertreiben.

Angesichts dieses Stillstandes ist es ein richtiger Schritt, Lizenzen an andere Entwickler zu vergeben, damit endlich Bewegung in den Markt kommt. Doch die Ergebnisse geben bis auf einige wenige Aussnahmen nicht gerade Hoffnung. Zu viele A1200-Klone sind unter den Neuentwicklungen. Und der A5000 wurde von einem Amigamagazin gar als "Sensation" betitelt. Und das zu einem Zeitpunkt, da dieser A5000 nur einen 030er an Bord hatte. Zur Erinnerung: als der Walker vorgestellt wurde, der ebenfalls einen 030er besaß, da war das Geschrei groß. Nun, mittlerweile hat der A5000 einen 040er. Was halten denn Sie von diesen "neuen" Amigas?

Jede Entwicklung für unseren Amiga ist willkommen, die 100 % mit unserem Betriebssystem kompatibel ist. Dabei ist die Numerierung eigentlich weniger ausschlaggebend. Das was hinter der Maschine steckt wird von unserer Amiga Community bis ins Detail sehr bald erkundet sein und mit diesem Urteil steht und fällt jedes neue Produkt im Amiga Bereich.

Wie man sehr schön am Beispiel des A5000 gesehen hat. Doch nun zum Stichwort Marketing: Daß die Fehler Commodores nicht wiederholt werden dürfen ist klar. Zugleich kann der Sinn der Arbeit AIs auch nicht darin bestehen, die sowieso treu gebliebenen Amigafans zum Kauf der neuen Amigas zu bringen.

Zum Stichwort Marketing möchte ich folgendes hinzufügen: Wir brauchen ganz dringend neue Kunden, die wir für unsere Amiga Technologie gewinnen und von unserer Amiga Technologie überzeugen können. Unsere existierende Gemeinde kennt und liebt den Amiga. Wir müssen neue Fans in unsere Gemeinde integrieren und Ihnen zeigen wie wunderbar es ist Mensch und Technik im Amiga zu vereinen.

Etwas das bei Wintels nicht so gut zu klappen scheint. Denn: Wenn man heutzutage mit Win95-Jüngern redet, dann wird nur eine Minderheit Positiv über dieses System reden. Man hat Win95 installiert, weil die meiste Software dieses eben benötigt. Alternativen zu Win95 sind nicht in Sicht, da Gates den Markt nach Belieben dominiert. Und dennoch macht sich Unmut breit: viele sehen sich nach Alternativen um, finden jedoch keine. Wenn man dann den Namen Amiga nennt, wird man von vielen belächelt. Auch, weil diese den Amiga nur vom hörensagen kennen. Wie will Amiga Inc. der Welt klar machen, daß es auch jenseits der 200 MHz Wintels nicht nur gleichwertige, sondern auch noch bessere und günstigere Systeme gibt?

Die Wintel Welt ist dominierend, das ist nun mal ein Faktum. Ich denke aber nicht, daß die Wintel Welt überzeugend ist. Jeder, der mit einem PC arbeitet oder gearbeitet hat oder auch nur gelegentlich damit zu tun hat, wird mir bestätigen, daß die dauernden Softwareabstürze und Probleme einfach existieren. Das System ist zu komplex aufgebaut und läßt im Gegensatz zum Amiga dem Anwender keinerlei Kreativität. Die Welt schreit nach einer Alternative. Ich weiß, daß es für uns alle eine hohe Zielsetzung ist, eine Alternative zu schaffen.

Wird es in diesem Zusammenhang auch einen Amiga Direktverkauf im Internet geben?

Zur Zeit haben wir nicht geplant über Internet einen Amiga Direktverkauf durchzuführen. Wir wollen an unserem Fachhändlerkonzept festhalten.

Hoffentlich mit Erfolg. Erfolg, daß den Amiga-Zeitschriften anscheinend nicht so zuteil wurde: Gerade hat mit dem AmigaMagazin eine weitere Amigazeitschrift den Vertrieb eingestellt. Argumentiert wurde mit sehr windigen Thesen, aber dies sei jetzt mal dahin gestellt. Alleine die Tatsache, daß, mal wieder, eine Amiga-Zeitschrift vom Markt verschwunden ist, ist erschreckend genug. Wie haben Sie diese Nachricht aufgefaßt, daß jetzt nur noch AmigaSpecial und AmigaPlus die Amigafahne hochhalten?

Mich persönlich trifft es sehr, daß immer mehr Amiga Zeitschriften vom Markt verschwinden. Das hängt damit zusammen, das der finanzielle Druck auf die Zeitschriften immer größer wird. Es hängt weniger mit der Abonnenten Anzahl, bzw. verkauften Exemplaren ab, als von den plazierten Anzeigen in den Amiga Zeitschriften. Bedingt durch die 2 Konkurse (Commodore und Escom) und dem dadurch bedingten Ausbleiben von Neuentwicklungen sind viele Händler zwangsläufig auf andere Produkte umgeschwenkt oder haben den Computerhandel ganz aufgegeben. Solange keine Neuentwicklung auf den Amiga Markt existiert, ist dieser Verfall leider nicht aufzuhalten, selbst wenn AMIGA International, Inc. einigen Zeitschriften schon finanzielle Zuwendung hat zukommen lassen, damit diese weiter existieren können. Ich sehe erst wieder einen Aufwärtstrend, wenn neue Produkte und damit auch neu Absatzkanäle (Distributoren, Händler, Kaufhäuser, Versandhandel, ect.) für den Amiga Vertrieb erobert werden können.

Genug der geschäftlichen Fragen: was für einen Amiga nutzen Sie eigentlich privat?

A4000 Tower, A1200, CD 32

Wirklich? Das liest sich wie die aktuelle Produktpalette Amiga International, Inc.

Wissen Sie, ich bin seit 1982 bei Commodore/AMIGA und Sie können sich sicher vorstellen, das ich die gesamte Produktpalette zu Hause zumindestens getestet habe......

Was den einen oder anderen - auch mich - sicherlich ein bischen neidisch machen wird. Apropos: viele der verbliebenen Amigafans engagieren sich für den Amiga. Sei es nun mit Online-Magazinen, -foren oder daß sie sich in Klubs zusammengeschlossen haben. Was halten Sie von diesen Aktivitäten?

Daß der Amiga noch lebt, ist letztendlich den Amiga Fans zu verdanken. Durch deren offenes Engagement und den großartigen Aktivitäten, manchmal bis zur Selbstaufopferung, ist es uns gelungen Amiga am Leben zu erhalten und nach 2 Konkursen einen potentiellen Investor, wie Gateway 2000, Inc., zu gewinnen. Meinen Dank an die Amiga Gemeinde kann ich nicht oft genug aussprechen und ich habe viele Clubs für deren Aktivitäten gesponsort.

So, mein Freund, jetzt aber genug geinterviewt...muß auch noch ein bischen Umsatz machen.....

Selbstverständlich! Und hoffentlich wird aus dem "bischen" schon sehr bald sehr viel mehr, in unser allem Interesse. Gibt es aber noch etwas, das Sie der Amigagemeinde sagen wollen?

Selbstverständlich: Danke, Danke, Danke. Danke für Ihre Aktivitäten. Danke für Ihr technisches Verständnis. Danke für Ihre Treue. Danke für Ihre Geduld.

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen und Amiga International, Inc. im Namen aller Amigabesitzer viel Glück und noch mehr Erfolg.

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Stand: 19.12.2014